Die Orgel der Jakobikirche

Besonders wichtig für den Gesamteindruck der Kirche ist die Orgel. 1556 wird sie erstmals genannt, anlässlich einer Reparatur durch den Orgelbauer Henrich Lohrengel aus Eisenach. Wenige Jahrzehnte später wird der Name Weißland im Zusammenhang mit einem geplanten Neubau genannt. Ein solcher erfolgt dann auch im Jahre 1603, gestiftet vom Landgrafen Moritz (gewissermaßen ein Augleich für die sonstige Bilderstürmerei). 1604 bemalte diesen Prospekt der Meister Reitz aus Hersfeld. Lucae berichtet, dass die Orgel im Dreißigjährigen Krieg Schaden genommen habe; so wurde ein abermaliger Neubau notwendig. Von ihm berichtet uns die Inschrift an der Orgel „ANNO CHRISTI MDCLXXXII“. Jost Schäffer aus Kirchheilingen bei Langensalza erbaute 1682 die Orgel mit 15 Stimmen neu (Teile des Werkes mag er übernommen haben, stellte es aber in Eschwege, wo er damals arbeitete, ganz neu zusammen). Das Gehäuse wurde von Rotenburger Schreinern nach seiner Anweisung verfertigt. Schäffers andere Werke in der Umgebung (Altstadtorgel in Eschwege 1677/79, Nentershausen 1696) zeigen die Leistungshöhe dieses Meisters.

Man hat lange Zeit darüber gerätselt, ob der heutige Prospekt der Altstadtorgel wohl aus dem Jahre 1682, wie ja die Inschrift besagt, oder von 1603 übernommen sei. Die Ornamentkunde gibt uns hier einwandfrei Auskunft: solch zierliches und doch großzügiges Knorpelwerk, wie in den Kronen, Behängen und Ohren des Gehäuses kann nur 1682 entstanden sein. Man braucht im übrigen nur die beiden anderen Orgelgehäuse Schäffers zu betrachten, um genau zu erkennen, dass auch das Rotenburger seiner Werkstatt entstammt; so sind die Bekrönungen in Nentershausen und Rotenburg fast die gleichen. Wenige Jahre später vermehrte man das Werk um drei Stimmen; der Prospekt erhielt damals die fein geschwungenen Flügel mit dem zierlichen, lockeren Akantusornament und den Füllhörnern in den so genannten „Ohren“. 1780 beging man die Unvorsichtigkeit, eine notwendig gewordene Reparatur der Orgel dem bankrott gegangenen Orgelbauer Schlottmann aus Friedewald anzuvertrauen. Es wundert daher nicht, dass man 15 Jahre später schon wieder neue Gutachten und Reparaturen für notwendig fand; diesmal aber wurde ein bewährter Orgelbauer zu Rate gezogen:

Johann Wilhelm Schmerbach aus Frieda bei Eschwege. 1787 hatte er die neue Orgel in Braach gebaut. Schmerbach erweiterte die Orgel um 4 Register; die Bälge und Windkanäle brachte er mit neuer Belederung in Ordnung. Diese Arbeiten hatte er im Rathaussaal vorgenommen, der ihm dafür zur Verfügung gestellt worden war; als es nun galt, die Orgel wieder spielfähig zu machen, ergab sich eine Schwierigkeit. Man hatte ja die Bälge bisher in der oberen Sakristei untergebracht; neu hergerichtet, wie sie waren, konnte man sie aber jetzt weder über die winkelige Treppe hinauftransportieren, noch durch die schmale Öffnung von der Kirche her hineinzwängen. Es wäre notwendig gewesen, ein größeres Stück Wand auszubrechen. Schmerbach jedoch machte einen anderen Vorschlag und der Reservaten-Commissar Martin, der die Interessen der Landesherrschaft in der Rotenburger Quart zu vertreten hatte, unterstützte ihn in einem Schreiben an das Consistorium. Mit dessen alsbald eintreffender Genehmigung wurde die Orgel nach Abschluss der Arbeiten 1800/01 verlegt: sie kam auf die östliche Hauptempore, die damalige Kantorei.

Klagen über die nun zu große Dunkelheit im Chorraum wurde 1815 durch den Einbruch eines zweiten unteren Fensters begegnet (das erste war schon 1656 und die Tür 1670 eingebrochen worden). Hauptursache für die Verdunklung war aber nicht die Orgel, sondern die schon zuvor vorhandene Empore. So war es denn auch fadenscheinig, wenn aus diesem Grunde 1845 vom Pfarrer die Verlegung der Orgel aus dem Chor nach Westen an die Stelle der Oberempore von 1731 verlangt wurde. Noch Schlimmeres droht: der Orgelbauer wollte einem „gothaischen“ (nämlich einen pseudogotischen) Prospekt an die Stelle des alten setzen und auch das Werk so gut wie neu machen. So drohte der Orgel die völlige Vernichtung, und nicht nur ihr; denn der Pfarrer beabsichtigte auch, aus der Kirche selbst ein pseudogotisches Schaustück zu machen, das er dem ursprünglichen Zustand für angemessen hielt. Alle weltlichen und geistlichen Gewalten vereinigten sich mit den verschiedentlichsten Argumenten, um die Modernisierung – denn nur darum ging es – durchzusetzen; aber der eine, der das bezahlen sollte – der Stadtrat – streikte. Schließlich fielen dem sechsjährigen Streit nur die Kirchenstände im Chor zum Opfer; Orgel und Kirche aber blieben der Nachwelt erhalten, wofür wir dem Rotenburger Stadtrat nicht dankbar genug sein können.

Seit der Erneuerung des Jahres 1881 haben Mitglieder der Orgelbauerfamilie Möller die Orgel in ihrer Pflege. Ihr Platz ist seit 1800 der im Chor, hinter dem Altar, mit der Front zur Gemeinde; man darf sagen, dass es dieser Platz ist, der einer Orgel im protestantischen Gotteshaus eigentlich zukommt. Und es ist überdies Erfüllung einer alten Tradition: dass Altar und Kanzel, Taufstein und Orgel an e i n e r Seite der Kirche dem Gläubigen gegenüber vereinigt sein sollten. Dies ist die große Entdeckung, die Landgraf Wilhelm IV. für den protestantischen Kirchenbau gemacht hatte.

Im Jahre 1962 musste die Orgel gründlich erneuert werden, da eine einfache Reparatur nicht mehr möglich wat In zahlreichen Verhandlungen mit den zuständigen Sachverständigen wurden zuvor die Möglichkeiten einer Reparatur, eines Umbaues, ja sogar die Möglichkeit eines Neubaues überprüft. Nachdem die Orgel abgebaut war stellte sich heraus, dass neben der alten wertvollen Renaissancefassade, die einst ein vollkommen geschlossenes Renaissancegehäuse bildete, nur wenige Teile des Inneren Verwendung finden konnte. Ein Holz- und zwei Metallregister, deren Bau wahrscheinlich auf das Jahr 1682 zurückgeht, konnten übernommen werden. Ebenfalls wurde eine Windlade der alten Orgel nach sorgfältiger Instandsetzung wieder verwertet. Alle übrigen Teile mussten, bis auf die Fassade, neu gebaut werden. Die Arbeiten wurden von der Rotenburger Orgelwerkstatt Dieter Noeske (Nachfolgefirma der Orgelbauwerkstatt Möller) ausgeführt. Vor Beginn der Erneuerungsarbeiten hatte die Orgel 21 klingende Register mit 1050 Pfeifen.

In den Jahren 1988/89 wurden eine Reihe von Veränderungen an dem alten Instrument vorgenommen, so dass nun ein teilrekonstruiertes Orgelwerk mit 30 klingenden Registern zur Verfügung steht, das ein Hauptwerk, ein Brustpositiv und ein Echowerk im Vordergehäuse und das Pedalwerk in einem selbstständigen Hintergehäuse beherbergt. 1995 wurde das Orgelgehäuse restauriert und erstrahlt nun im neuen Glanz.